Scharfe Kritik am BGE-Kongress

Ein offener Brief.
von Kai Ehlers.

[Der Autor bezieht sich auf den 3. Grundeinkommenskongress vom 24. - 26. Oktober 2008 an der Humboldt-Universität Berlin.]

Ich habe den Kongress als eine recht unentschiedene Veranstaltung erlebt, die mich darin bestärkt, dass wir andere als die eingefahrenen Politikformen brauchen.

Kurz und knapp im Detail:

Das Einführungspodium war aus meiner Sicht – und aus der Sicht ausnahmslos aller Menschen, mit denen ich dann darüber sprach – sehr verunglückt:

12 Minuten für Götz Werner, danach kurze Statements auf einem sechsköpfigen Podium, die sich nicht aufeinander bezogen, sondern zusammenhanglos nebeneinander standen, dann Eröffnung einer Publikumsdebatte mit dem Auditorium – das war ein echter Fehlstart. Götz Werner (warum immer) hat einen höchst allgemeinen Parcours durch die Wolken der Grundeinkommnens-Idee gemacht, nicht einmal so konkret, dass er die Botschaft eines anderen Menschenbildes rübergebracht hätte. Die übrigen Beiträge waren so blass, dass ich sie kaum noch erinnere. Hängengeblieben ist bei mir nur der Beitrag von Werner Rätz, der immerhin einen für ihn neuen Ton anschlug: Grundeinkommen nicht nur monetär zu verstehen, sondern mehr in Relation zu den Fragen der Grundversorgung zu diskutieren.

Nach diesem schwerpunktlosen Einführungspotpourri war es nicht verwunderlich, dass die daraufhin angesetzte Debatte im Auditorium den Charakter von ziemlich unerträglichen Wadenbeißereien annahm. Man fühlte sich offenbar durch das Auftreten von Götz Werner provoziert, hatte andererseits aber keinen neuen Stoff, um den man sich sinnvoll zu diesem Zeitpunkt hätte streiten können. So wurden die alten Dauerbrenner wieder herausgekramt und das in einem Klima der Hahnenkämpfe statt des Versuchs der gegenseitigen Verständigung. Vergessen ist offenbar der Versuch, den die Bewegung auf Einladung Werners letztes Jahr gemacht hat, solche unsinnigen Platzkämpfe durch konstruktive Auseinandersetzung zu ersetzen.

Für Newcomer war dieser Einstieg absolut demotivierend und desorientierend. Ich hatte u.a. einen jungen Mann aus Hamburg an meiner Seite, ganz neu im Thema – den musste ich nach diesem Einstieg erst einmal wieder aufrichten, indem ich ihn auf die kommenden Workshops orientierte. Er hatte sich von dem Einstieg, versteht sich, eine Einführung ins Thema, in den Stand und die weiteren Ziele der Bewegung versprochen. In dieser Erwartung kann ich den jungen Mann, wie alle anderen, mit denen ich sprach, nur unterstützen:

Richtig wäre – aus meiner Sicht – gewesen, ein Podium anzubieten, das eine klare Einführung ins Thema, Zielsetzung, in den Stand der Bewegung, in die wichtigsten offenen Fragen und die Zielsetzung dieses Kongresses gegeben hätte, um damit die Fragen, vorzugeben, die für diesen Kongress als die zu bearbeitenden und zu klärenden anstehen, und die Kongressteilnehmer aufzufordern – meinetwegen auch zu bitten oder anzuregen – sich in ihren jeweiligen Workshops mit ihren jeweiligen Ansätzen um diese Grundfragen herum zu bewegen. So hätte man auch den Workshops die Möglichkeit gegeben, auf eine SYNERGIE des Kongresses hinzuarbeiten.

Stattdessen fanden die Workshops unverbunden nebeneinander statt. Rückbezüge auf eine gemeinsame Fragestellung hat es praktisch nicht gegeben. Außendarstellung (Podien) und innere Arbeitsprozesse (Workshops) konnten sich nicht gegenseitig fördern.

Ich schlage vor, mögliche zukünftige Treffen, Arbeitsbegegnungen, Kongresse genauestens daraufhin abzuklopfen, was da jeweils im Vordergrund stehen soll – interne Klärungsprozesse? Gezielte Arbeit an offenen Fragen? Public Relation? Alle drei Aspekte sind selbstverständlich wichtig, aber man muss sie entweder getrennt voneinander organisieren oder die gemeinsame Organisation so aufeinander abstimmen, dass sich diese drei Elemente gegenseitig aufbauen.

Dazu muss die Kongressvorbereitung natürlich den Mut und das Vertrauen haben, klaren „frontalen“ Input, die Forderung nach ergebnisorientiertem Arbeiten und offene Diskussionsprozesse effektiv miteinander zu verbinden.

Ich sehe es so: Klare Einführung des Grundanliegens (wie oben gesagt), die Greenhorns mitnimmt und alte Kämpen auf ein Miteinander einstimmt, Workshops, die darauf orientieren, ihre Ergebnisse zur gestellten Grundfrage miteinander in einen Austausch zu bringen. Keine „Berichte“, sondern nach den Workshops, bzw. jeder Workshopphase eine offene Runde des Austausches, Repräsentation der Workshops in den Podien, damit die Arbeitsergebnisse der Workshops gezielt in die Kongress- und darüber hinaus die allgemeine Öffentlichkeit kommen – statt der separaten „Pressegespräche“ einzelner Akteure am Rande (die selbstverständlich ergänzend auch stattfinden sollen/können/dürfen).

Abschließend noch dies: Ich denke, die Bewegung zum Grundeinkommen muss hart darauf achten, nicht zu einer Szeneveranstaltung zu werden, die sich von anderen Kreisen mit den üblichen, eingefahrenen Ritualen einer sektiererischen (linken) Debatten(un)kultur abgrenzt, sondern sich für die bewusste, gezielte, langfristig angelegte Entwicklung von Synergien öffnen – ohne dabei die unterschiedlichen Positionen zu verwässern oder zu unterdrücken. Nur wenn dieses Kunststück gelingt, hat die Idee des Grundeinkommens eine Chance der Verwirklichung, glaube ich, mehr noch, die Herstellung einer solchen Synergie – kreativer gemeinsamer Energie – ist ja geradezu das Grundanliegen dieser Idee.

***

© Kai Ehlers. Alle Rechte vorbehalten.
Kontakt zum Autor über www.kai-ehlers.de und www.binoc.de

Über den Autor: Kai Ehlers, seit 1971 politischer Journalist in Hamburg. Gründungsmitglied des KB/Hamburg und Redakteur der Zeitung „ak“. Buchautor, Radio- und Pressejournalist sowie Veranstalter von Vorträgen, Seminaren und Projekten rund um die Frage der nachsowjetischen und eurasichen Wandlungen, sowie deren soziale, politische und kulturelle Folgen. Autor u.a. von „Grundeinkommen für alle – Sprungbrett in eine integrierte Gesellschaft.“

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3 Antworten zu „Scharfe Kritik am BGE-Kongress“

  1. Roger Beathacker sagt:

    Ich verstehe nicht ganz,was sie unter „die Bewegung“ verstehen. Meines Erachtens kann von einer (einheitlichen) Bewegung nicht die Rede sein. Zu verschieden sind die Konzepte, Motive und Interessen derjenigen, die sich derzeit fuer ein BGE stark machen. Mich z.B. koennte man – obwohl ich fuer ein BGE eintrete – fuer das Konzept von Goetz Werner nicht begeistern.

    Man muss wohl nicht erst einen Kongress besuchen, um sich hinreichend verwirren zu lassen.

  2. Binoc sagt:

    Das ist bedauerlicherweise eines der kardinalen Probleme bei der BGE-Debatte. Die notwendige Verständigung und Reduzierung auf den kleinsten gemeinsamen Nenner, um zu praktikablen Ergebnissen zu gelangen, steht in aller Regel außen vor. Nicht umsonst sehen sich Grundeinkommensgegner einem kruden Theoriegeflecht ausgesetzt und lehnen den Gedanken alleine deshalb schon ab.

    BINOC hat es sich deshalb zum Ziel gesetzt, hier einzuhaken und die Vielfalt der Ansätze auf eine gemeinsame, an Umsetzbarkeiten orientierte Basis herunterzubrechen. Das ist sicher keine einfache Aufgabe, aber für eine seriöse Herangehensweise eines wichtigen ökonomisch-politischen Modells aus unserer Sicht unerlässlich.

  3. Jerome sagt:

    Bis zum 10.02.09 kann jeder noch für das bedingungslose Grundeinkommen petieren:
    https://epetitionen.bundestag.de/index.php?action=petition;petition=1422;sa=sign

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